Wachstumskritik

---

Bauen als Umweltzerstörung und Architektur der Selbstbestimmung

---

Die Folgen des Baubooms
1972 entstanden in der Schweiz 80'000 Wohnungen, Gleichzeitig investierte die öffentliche Hand in dringend benötigte Infrastrukturen: in Autobahnen, Schulhäuser und Spitäler. Niemals zuvor und niemals danach wurde in der Schweiz pro Kopf mehr gebaut. Gegen Ende der 1960er Jahre kam Ernüchterung auf: Die städtebaulich durchdachten Grosssiedlungen der Architektenzunft standen mitten auf der grünen Wiese im Niemandsland, alte Villen waren modernen Bürogebäuden gewichen und über filigran gestaltete Brücken brausten Blechlawinen.

Die Suche nach Alternativen
Zu den schärfsten Kritikern gehörte der Zürcher Architekt und Publizist Rolf Keller. Seine Publikation «Bauen als Umweltzerstörung» fand 1973 weit über die Landesgrenzen Beachtung. Sein trister Reigen von Schwarzweiss-Bildern verstand sich als bissige Bestandsaufnahme der Bauwut der Hochkonjunktur. Sein gemeinsam mit Fritz Schwarz entworfenes Dorfzentrum in Muttenz hatte gezeigt, wie ein respektvolles Weiterbauen in historischer Umgebung möglich wäre.

> zum Artikel über «Bauen als Umweltzerstörung» im Spiegel, 17/1974
> zum Artikel  «Das abrupte Ende des Grosssiedlungsbaus» von Dieter Schnell, Heimatschutz 2/2013

Kritik an Göhnerswil & Co.
Das Schweizer Fernsehen strahlte 1972 eine schonungslose Abrechnung mit dem Leben im Plattenbau im Grünen aus: Hans und Nina Stürm portraitierten die Göhner-Siedlung «Sunnebüel» als einen Ort der Tristesse und der abgestumpften Gesellschaft. Fast zur gleichen Zeit veröffentlichte eine Gruppe von ETH-Studierenden «Göhnerswil: Wohnungsbau im Kaptialismus». Sie rechneten der Gesellschaft vor, wie die Ernst Göhner AG auf dem Rücken der Gesellschaft immense Gewinne aus ebendiesen Plattenbau-Siedlungen erzielte.

> Candide No.7 zur Krise des Grosswohungsbaus in den 1970er Jahren
> Website zu «Göhner wohnen. Wachstumseuphorie und Plattenbau»

Architektur der Nachbarschaft und Selbstbestimmung
Gegenentwürfe zur Grosssiedlung wurden gesucht. Im Grossraum Zürich setzten Rolf Kellers Vorzeigesiedlung «Seldwyla» und die Eiwog (Eigentumswohnungs-Genossenschaft) auf Nachbarschaft und rückten das gemeinschaftliche Eigentum ins Zentrum. Im Grossraum Bern hatte das Atelier 5 bereits ein Jahrzehnt zuvor mit Halen den Spagat zwischen Gemeinschaft und Privateigentum gemeistert und mit drei Siedlungen in Flamatt die Konzepte laufend verfeinert. Der Wunsch nach einer freien Gestaltung der Eigentumswohnung führte zu vollständig flexiblen Grundrissen in der Zuger Wohnüberbauung «Rothusweg».



 

 

Untertitel: 
Bauen als Umweltzerstörung und Architektur der Selbstbestimmung